i'm just killing lately
Geschichten

Leseprobe: Secretpassage

Dieser Fantasyroman liegt gerade beim Verlag und wartet nur auf einen Sponsor, um in den Druck zu gehen.


Gegen Nachmittag erreichten die fünf Freunde Orum. Sie hielten kurz vor der Stadt in der relativen Sicherheit der hohen Felsen an und betrachteten die Lage.

Die Stadtmauern waren großteils intakt, nur die Tore waren zerstört und zur Seite geräumt. Viele Häuser, die Sylfan sehen konnte, waren zerstört oder brannten noch. Doch es schien wenig Gegenwehr gegeben zu haben. Er konnte keine Leichen sehen und es gab auch keine Überreste von zerstörten Verteidigungsanlagen.

„Wie sieht es aus?“, fragte Aran neben ihm. Er hatte bemerkt, wie der Elf die Stirn gerunzelt hatte.

„Wie eine vernichtete Stadt“, gab Sylfan ernst zur Antwort.

„Scherzkeks“, warf Thorn ein.

„Nein, das meine ich ernst“, widersprach der Elfenmagier.

Der Nordmann legte den Kopf schief. „Was?“

„Es sieht eigentlich so aus, als wäre die Stadt schon gefallen. Das Domin steht noch, denke ich. Aber die Stadt ist schon eingenommen“, erklärte Sylfan. „Ich glaube allerdings nicht, dass sie sich allzu viel Mühe gemacht haben, Orum zu verteidigen. Vermutlich haben sie die Stadt sich selbst überlassen und sich hinter die Dominmauern zurückgezogen.“

Thorn runzelte die Stirn.

„Du meinst, sie haben die Bürger der Stadt einfach so im Stich gelassen?“

„Das wohl nicht. Vermutlich haben sie die Frauen und Kindern ins Domin gelassen. Die Männer müssen ohnehin kämpfen“, erklärte Aran.

„Auf diese Weise werden die Angreifer gebremst und die Bewohner können ihre Verteidigung besser organisieren“, bemerkte Silas.

Der Nordmann schüttelte ungläubig den Kopf.

„Was ist das denn für eine verdammte Kriegsführung?“

Silas zuckte mit den Achseln.

„Es funktioniert.“

Sie ließen die Diskussion auf sich beruhen und machten sich bereit. Thorn schaute besorgt zum Himmel. Dunkle Wolken zogen von Süden her auf und es roch nach Regen. Der Nordmann seufzte.

„Was ist denn los?“, fragte Sylfan ihn vergnügt.

„Es wird bald ein richtiges Gewitter geben“, antwortete Thorn nachdenklich.

„Stimmt“, bemerkte Diera lächelnd. „Das ist doch gar nicht schlecht.“

Sie versteckten die Pferde und eilten geduckt zu den verlassenen Stadtmauern.

Die Luft war angespannt und der erste Donner grollte in der Ferne.

Als sie durch das offene Tor huschten, zogen sie ihre Waffen. Wie vereinbart machten sie Halt, nachdem sie das Tor passiert hatten und schauten sich einen Moment um.

Zufrieden lächelnd stellte Thorn fest, dass sie sich alle schon automatisch aufgestellt hatten und kampfbereit waren. Aran stand an der Spitze, Thorn rechts von ihm und Sylfan zu seiner Linken. Diera hielt hinter ihnen Sprüche bereit und Silas wirkte sich Silberschwingen. Er würde über die Häuser fliegen und sie leiten.

Aran drehte sich um und schaute sie fragend an.

„Seid ihr bereit?“, fragte er sie angespannt.

Diera und Silas nickten. Sylfan, der sie beobachtet hatte, schloss einen Moment die Augen und konzentrierte sich auf den Magiestrom. Er konnte sehen, wie um Diera eine Vielzahl von Sprüchen kreiste, alle sofort bereit, benutzt zu werden. Um Silas konnte er nur den grauen Schleier der Silberschwingen erkennen. Doch dann sah er den feinen Strahl der sich rot und blau zwischen Diera und Silas wob. Sie hatten eine geistige Verbindung geschaffen, die es ihnen ermöglichte, über kurze Distanz miteinander zu kommunizieren. Er bewunderte die beiden für die Fähigkeit, diesen Spruch aufzubauen. Es brauchte nicht nur ein enormes magisches Können, das die beiden zweifellos besaßen, sondern auch ein unerschütterliches Vertrauen, da die beiden gedanklich mit einander verbunden waren und wenn einer einen Fehler machte, konnte er den anderen töten.

Der Elf öffnete wieder die Augen und sah zu, wie Silas sich in die Luft erhob.

„Fertig? Dann los!“

Sie rannten los, geradewegs auf der Straße nach Westen. Der Schatten des dunklen Magiers tauchte hin und wieder vor ihnen auf dem dreckigen Boden auf. Als sie an die erste Kreuzung kamen, meldete Diera ihnen von Silas: „Nach rechts! Dann in die Seitengasse nach Westen!“

Sie gehorchten und eilten nun durch eine enge Gasse. Hier mussten sie ihre Stellung aufgeben und hintereinander laufen. Aran rannte voran, gefolgt von Thorn und Sylfan, Diera deckte ihren Rücken.

So rannten sie eine ganze Weile, immer stetig nach Westen. Thorn glaubte schon, niemals auf Gegner zu stoßen. Doch der immer lauter werdende Kampfeslärm verriet ihnen, dass sie ihrem Ziel näher kam.

Schließlich hielten sie erneut an einer kleinen Kreuzung an. Die Explosionen der Sprüche der Verteidiger dröhnten mittlerweile laut in den Ohren des Nordmanns. Er schaute zum dunklen Himmel hinauf. Die ersten Regentropfen klatschten ihm nass ins Gesicht.

„Na toll. Es regnet“, knurrte er.

„Wenn das dein geringstes Problem ist“, gab Diera neben ihm zur Antwort.

Silas landete geräuschlos neben ihr und faltete die Silberschwingen ab.

„Da vorne warten die Feinde. In dieser Straße“, er zeigte auf eine Gasse vor ihnen, die nach Norden führte. „kämpfen fünf oder sechs Männer der Stadtwache gegen ein Dutzend Wappenlose.“

„Könne wir denen ausweichen? Ich will es solange wie möglich vermeiden zu kämpfen“, erklärte Aran.

„Wir könnten sie zwar umgehen, aber es ist der schnellste und beste Weg zur Mauer“, berichtete Silas.

„Also schön, dann heizen wir ihnen mal ein!“, rief Thorn grimmig.

Sie stürmten in die lange Straße. Vor ihnen standen die zwölf Feinde und drehten ihnen den Rücken zu. Die Soldaten der Stadtwache waren klar im Nachteil und liefen Gefahr, einfach überrannt zu werden.

Sie hielten noch einen Moment inne, dann nickte Aran. Das Zeichen zum Angriff. Thorn stieß einen erschreckenden Angriffsschrei aus und machte seinen ersten Gegner nieder, der sich gerade noch überrascht umdrehen konnte, ehe er tot zusammenbrach. Die anderen fassten sich schneller.

Vier der sechs Feinde drehten sich um und erhoben sofort verteidigend die Waffen. Dann begann der Kampf.

Die Straße war gerade breit genug, dass die drei Kämpfer nebeneinander stehen konnten, ohne sich zu gegenseitig zu behindern. Aran wehrte den Schlag eines kräftigen Mannes ab, der in der einen Hand ein schweres Breitschwert und in der anderen Hand eine scharfe Axt führte. Die Axt sauste schon wieder auf seinen Kopf herab und der große Mann wehrte den Schlag geschickt ab. Er stieß die schwere Waffe zurück und verpasste dem Angreifer mit dem Schwertknauf einen heftigen Schlag auf die Nase. Benommen taumelte der Mann zurück. Blut lief ihm aus der Nase und die Wut brannte in den kleinen Augen. Schreiend ging er wieder auf den großen Mann los und zog diesmal mit beiden Waffen gleichzeitig von rechts lach links. Aran stieß einen Warnruf aus, dann duckte er sich, um den Schlägen auszuweichen.

Sylfan, der links neben ihm mit einem schnellen Gegner kämpfte, blockte die Schläge geschickt ab, stieß die Waffen zurück und wich anschließend dem Schlag seines eigenen Gegners aus.

Aran nutzte die Gelegenheit und die Lücke in der Verteidigung seines Gegenübers und trieb ihm das Langschwert zwischen die Rippen. Der Mann sank tot zu Boden. Auch Thorns Gegner brach keine zwei Augenblicke später blutend zusammen. Doch schon rückten die nächsten zwei Kämpfer vor.

Silas und Diera hielten sich hinter den anderen. Sie schützten ihren Rücken und Silas sollte sich bereithalten, um gegebenenfalls mit den Silberschwingen schon von der Straße aus auf die Mauer zu fliegen, die noch einige Fuß entfernt war.

Plötzlich erschienen drei grau gekleidete Soldaten an der Straßen Ecke vor Silas. Sie hatten ihre Schwerter gezogen und gingen sofort zum Angriff über. Diera drehte sich erschrocken zu ihnen um und baute sofort eine Barriere auf, gegen die die Angreifer mit voller Wucht donnerten. Die Männer prallten erschrocken zurück, Diera ließ die Barriere fallen und Silas schoss den Feinden drei Feuerkugeln entgegen. Sofort gingen die Männer schreiend in Flammen auf und verbrannten zu Asche.

Aran, der sich nicht hatte ablenken lassen, fragte eilig nach hinten: „Alles klar?“

„Kein Problem.“

„Wir verlieren Zeit!“ Thorn wehrte einen erneuten Hieb ab.

„Sylfan, wir brauchen einen Moment, um...“

„Schon verstanden.“

Der Elf stieß seinen Gegner zurück, streckte die rechte Hand aus und flüsterte: „Druckwelle!“

Es war von hinter dem Spruch aus kaum zu spüren. Die Gegner wurden zurückgeworfen, doch die Druckwelle war nur schwach und es war mehr die Überraschung, denn die Magie, die sie zögern ließ. Doch es war genug Zeit. Aran, Thorn und Sylfan zögerten keinen Moment. Sie machten alle drei einen Ausfallschritt. Thorn, dessen Gegner sich schon wieder gefangen hatte, täuschte einen Hieb auf die Schwerthand an, duckte sich und wurde von der scharfen Klinge des Gegners am Arm erwischt. Er ignorierte den Schlag, der im nichts endete, und durchbohrte das Herz des Angreifers.

Neben ihm schnitt Sylfan seinem Gegner die Kehle durch. Auch Aran erledigte sein Gegenüber schnell und präzise.

Nun wurden sich die noch verbliebenen sieben Kämpfer der Gefahr bewusst, die drohte, sie von hinten zu töten. Drei Männer ließen von der Stadtwache ab und drehten sich unsicher zu Thorn und den anderen um.

Der Nordmann winkte einen kampfeslustig zu sich. Der Mann nahm die Herausforderung an und stürmte auf ihn zu. Seine Kameraden folgten seinem Beispiel.

Thorn wehrte den Schlag spielend ab, drehte sich noch während er gegen das Schwert des Angreifers hielt, ließ die Klinge abrutschen und durchbohrte ihm mit dem Messer die Kehle. Blut rann aus der Wunde und der Mann brach röchelnd zusammen.

Auf dem Boden bildeten sich rote Pfützen. Blut mischte sich mit dem Regen, der nun auf sie herunter zu brasseln begann. Die ungleichmäßigen Pflastersteine wurden rutschig und Thorn musste acht geben, wohin er trat.

Schon hatte sich der nächste Gegner zu ihnen umgedreht. Doch anstatt Thorn anzugreifen, hieben sie nun zu zweit abwechselnd auf Aran und Sylfan ein. Der Elf, der gegen die harten Schläge der kräftigen Angreifer nichts ausrichten konnte, versuchte, wie gewohnt, durch flinke Manöver und schnelle Bewegungen auszuweichen. Doch in der engen Straße hatte er dazu keinen Platz. Aran dagegen kämpfte mit ausholenden Schlägen, die großzügig geführt wurden, wodurch der Elf und Thorn Acht geben mussten, um nicht von der Waffe des großen Mannes getroffen zu werden. Was offenem Feld ein unschätzbarer Vorteil war, schränkte auch sie in den engen Straßen Orums ein.

Verzweifelt versuchte Thorn, Aran einen Gegner abzunehmen, doch die Angreifer sprangen immer wieder zurück und wechselten sich ab. Staunend schaute der Nordmann zu, wie Sylfan sich geschickt jeder Bewegung und jedem Schwerthieb Arans anpasste, um selbst mehr Freiraum zu bekommen.

Nun drangen die beiden Gegner gleichzeitig auf Aran ein und brachten ihn mit einer schnellen Folge von Hieben in eine festgefahrene Verteidigungsposition. Als der große Mann den Hieb des linken über seinem Kopf auffing, sah Thorn seine Chance.

„Aran, Achtung!“, warnte er den Freund. Dann fiel er mit einem großen Schritt zwischen Aran und seinen zweiten Gegner. Der Mann war zu überrascht, um zu reagieren.

Thorn verpasste ihm einen tiefen Schnitt in den Bauch und bohrte ihm das Messer ins Herz. Der Mann brach tot zusammen. Mit einem weiteren Schritt trat er wieder zurück. Aran anderer Gegner war von dem Nordmann abgelenkt worden, sodass der große Mann den Angriff zurückwerfen konnte und seinen Gegner mit einem raschen Schnitt die Kehle aufschlitzte.

Sylfans Gegner, ein geschickter und wendiger Kämpfer, sah die Schwachstelle in der Verteidigung des Elfen, die entstand, weil Sylfan Arans Manöver Platz machen musste. Er stach zu und die scharfe Schwertspitze drang in den Arm des Silaners ein. Der riss den Arm zurück, drehte sich und wehrte den nächsten Schlag mit der Klinge ab. Dann packte er den Gegner am Handgelenk und hauchte: „Eisschock!“

Noch ehe der Gegner etwas tun konnte, erstarrte er vollkommen zu Eis. Sein entsetzter Gesichtsausdruck war für einen Moment festgehalten, dann zersprang sein Körper in tausend Stücke.

Die anderen drei Feinde wurden von der Stadtwache niedergemacht, die nun unsicher den fünf Freunden gegenüberstand. Aran hob beschwichtigend die Hände.

„Wartet, wir sind Freunde.“

„So, seid Ihr das?“, fragte ein Soldat skeptisch.

„Wir haben Euch geholfen, oder?“, erwiderte Thorn.

Der Soldat schaute einen Moment auf die Leichen der Feinde, die zu den Füßen der drei Kämpfer lagen.

„Ihr seid keine Soldaten. Was wollt ihr hier?“, wollte der Mann wissen.

„Wir müssen zur Mauer und dann ins Domin. Es ist eilig“, erklärte Aran.

Der Mann lachte humorlos auf.

„Ihr wollt ins Domin? Wieso das denn? Da kommt Ihr sowieso nie rein.“ „Wir suchen da jemanden. Und wie wir rein kommen ist unsere Sache.“ Der Soldat schaute sie einen Moment an. Das Wasser lief ihm in Strömen vom angebeulten Helm.

Er schien zu überlegen, was er nun mit ihnen tun sollte.

„Wir wollen nur zur Mauer. Und zwar schnell!“, drängte Thorn.

Er hob drohend die Waffe und dieses Argument schien der Soldat nur zu gut zu verstehen.

„Also schön. Tut, was Ihr nicht lassen könnt. Doch ich warne Euch. Weit werdet Ihr ohnehin nicht kommen“, willigte er ein.

Ein lauter Donnerschlag ertönte und der Soldat und seine drei übrigen Gefährten zogen ab.

Aran und die anderen rannten die Straße weiter, dann in eine erneute Seitenstraße und dann über eine Kreuzung in eine etwas breitere Straße, die fast bis an die Mauer führte.

Auf ein Zeichen des großen Mannes hielten sie an.

„Das reicht“, bestätigte Silas.

Er breitete die Silberschwingen erneut aus. Die anderen machten ihm Platz.

„Du hast eine halbe Stunde. Wenn möglich, dann nur rein, alles abklären und wieder raus, kapiert?“ Aran sah ihn scharf an.

„Eine halbe Stunde? Kapiert.“

Damit flog er los.

Aran und die anderen bauten sich in der Straße auf.

„Es wird nicht lange dauern, bis wir hier Gesellschaft bekommen“, erklärte er flüchtig.

„Wir haben gerade die Verteidigungslinie durchbrochen und ich glaube kaum, dass diese Soldaten sie noch lange aufhalten können.“ Er stellte sich wieder in der Mitte der Straße auf. Thorn stand nun rechts hinter ihm und Sylfan links hinter ihm, sodass sie ein freies V bildeten.

Diera hatte sich hinter ihnen aufgestellt und erneuerte die Sprüche, die inzwischen instabil geworden waren.

Thorn schaute gebannt auf das andere Ende der Straße. Der Regen lief ihm über das Gesicht und der Donner vermischte sich nun mit den Explosionen und dem Kampfeslärm. Es kam ihm irgendwie so unwirklich vor. Er konnte die Kämpfer hören und auch irgendwie spüren, doch er konnte sie nicht sehen. Der Regen und der entfernte Lärm ließ seine Gedanken ein wenig wandern. Doch als plötzlich eine Truppe Soldaten in der Straße auftauchten, war sein Kopf wieder völlig klar und sein Körper war bereit zu kämpfen.

~~~

Silas flog über die niedrigen Hausdächer und konnte durch den stärker werdenden Regen schon die graue Mauer sehen. Er wirkte einen Zauber, der seine Sehkraft in der Dunkelheit verstärkte und beobachtete die Soldaten, die versuchten die Feinde von der Mauer fern zu halten. Im Moment gelang es ihnen noch, aber die Linien der Verteidiger wurden zusehends dünner, während für jeden gefallenen Angreifer zwei neue einsprangen.

Silas suchte die Mauer ab. Er landete auf dem Dach eines Hauses, das noch vor kurzem gebrannt hatte und das nur etwa zwanzig Fuß von der Mauer entfernt war. Der Regen hatte allmählich damit begonnen, die Brände zu löschen. Anfangs hatte er sich gewundert, warum die Feinde nicht versucht hatten, von den Dächern über die Mauer zu kommen. Doch als er gelandet war, stellte er fest, dass das Dach viel zu alt und instabil war, als dass hier mehr als ein Mensch darauf hätte gehen können.

Er beobachtete die Mauer. Auf der Mauer hinter den hohen Zinnen konnte er Magier stehen sehen, die Schilde gegen die Pfeile wirkten. Die Verteidigung war lückenlos und der dunkle Magier war nicht sicher, ob unter den Schilden nicht auch solche waren, die ihn hinderten, einzudringen.

Er schloss die Augen und sah sich die Magieströme an. Vor ihm erstreckte sich eine blendend halle Wand aus gelber Magie. An manchen Stellen war die Magie stärker, an anderen schwächer, doch sie war überall vorhanden. Silas fragte sich, ob so ein großer Aufwand wirklich nötig war, nur einige Pfeile aufzuhalten.

Er öffnete die Augen wieder und schaute hinunter auf die Straßen. Die Verteidiger hatten die Wappenlosen ein Stück zurückgedrängt und kämpften nun mit dem Mut der Verzweiflung.

Er betrachtete noch einmal die Mauer. Die Schilde standen immer noch, doch er hatte eine Stelle ganz in seiner Nähe gefunden, die vermutlich kein Fester oder Schwerer Schild war und die er passieren konnte.

Er schaute noch einmal hinunter; es waren keine Bogenschützen in Sicht. Dann breitete er die Flügel wieder aus und sprang vom Dach. Er fiel einige Fuß, ehe er sich auffing, und hielt geradewegs auf die Mauer zu. Keine sechs Fuß vor der Mauer zog er abrupt hoch und flog an der glatten Wand steil nach oben. Als er oben war, durchbrach er schnell den Schild, landete auf dem nassen Steinboden und faltete die Flügel ab.

Ein alter Magier, der neben ihm stand, erschrak und hätte beinahe seinen Schild fallen lassen. Doch dann schaute er Silas an und wollte gerade um Hilfe rufen. Eilig hob der dunkle Magier beschwichtigend die Hände.

„Wartet! Bitte wartet. Ich bin nicht Euer Feind.“

Der alte Magier hob skeptisch eine Augenbraue. Silas konnte ihn Dank seines Spruches gut sehen. Der Mann sah im Grunde nicht viel älter als fünfzig aus. Doch die weißen Haare und der weiße Bart straften sein Gesicht Lügen. Er hatte kluge, funkelnde Augen und er war sicher ein mächtiger Magier.

„So, Ihr seit also nicht mein Feind?“, fragte er ein wenig zynisch. „Wer seid Ihr denn eigentlich?“

Silas zögerte einen Moment. Er war sich nicht sicher, ob er das sagen durfte. Doch dann wurde ihm wieder bewusst, dass er keine Zeit für so einen Blödsinn hatte. Seine Freunde hatten keine Zeit. Diera hatte keine Zeit.

„Ich heiße Silas Flamewall. Ich bin Dominmeister aus Yrian“, erklärte er hastig.

Der alte Magier nickte, schaute ihn aber immer noch skeptisch an.

„Ein Dominmeister aus Yrian? Und Ihr sagt, Ihr gehört nicht zu den Feinden. Was wollt Ihr dann hier?“, wollte der alte Magier wissen.

„Ich suche jemanden. Den Dominmeister Magis aus Orum. Wisst Ihr, wo er ist?“

Silas schaute eilig von der Mauer. Die Soldaten kämpften noch immer erbittert in den Straßen, doch seine Freunde konnte er nicht sehen. Sie waren durch eine Häuserreihe verdeckt.

„Was wollt Ihr denn von ihm?“

Der alte Magier sah ihn ruhig an, während Silas beinahe wahnsinnig wurde. Seine Freunde kämpften da unten gegen eine Übermacht und der Zausel vor ihm hatte nichts Besseres zu tun, als Silas unnötig aufzuhalten.

„Ich muss ihn etwas Dringendes fragen. Und zwar schnell, wenn möglich“, erklärte er ungeduldig.

Sorgenfalten tauchten auf der Stirn des Alten auf. Plötzlich riss er den Kopf herum und Silas spürte eine mächtige Woge der Magie, die dem Schild des Alten zugeführt wurde. Gerade als der dunkle Magier erschrocken über die Mauer sah, schlug ein gewaltiger, roter Blitz in den gerade verstärkten Schild. Der Blitz war zwar stark, doch der Schild hielt mühelos stand.

„Ich glaube, Ihr habt Euch einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht“, erwiderte der alte Magier und starrte hasserfüllt z den Kämpfern unter der Mauer.

Silas sah ihn entsetzt an.

„Sie haben Magier? Diese Bastarde haben Magier?“, fragte er schockiert.

Der Alte nickte traurig.

Plötzlich bekam Silas Panik. Sie hatten Magier! Und seine Freunde und Diera standen da unten in der Schlachtreihe und wussten nichts davon. Wenn die Magier auf sie aufmerksam wurden und sie angriffen... Sie hatten keine Chance gegen eine Übermacht von Soldaten und gegen Magier.

„Verdammt, sagt mir, wo Magis ist! Ich muss ihn sofort finden und dann wieder zurück zu meinen Freunden“, fuhr er den Alten an.

Der Alte ließ sich unterdessen nicht von seinem Schild ablenken. Ein erneuter Blitz schlug gegen den Schild, dicht gefolgt von einer Feuerkugel. Beide prallten unschädlich ab.

„Es tut mir Leid, aber Ihr könnt nicht mehr zu Magis“, antwortete der Alte ihm. Plötzlich trommelte der Regen um ein vielfaches stärker auf Silas‘ Haut. Es war ein wahrer Wolkenbruch. Der Donner krachte in seinen Ohren und Blitze, die nicht zu dem Gewitter gehörten, sondern auf die Schilde prallten, durchzuckten das Dämmerlicht.

„Es tut mir Leid“, wiederholte der Alte noch einmal. „Magis ist tot.“

Dreizehntes Kapitel

Thorn und die anderen kämpften gegen eine Überzahl an Gegnern. Dreizehn Tote lagen schon vor ihnen auf dem Boden. Ihr Blut vermischte sich mit dem Regen und machte die Straße rutschig.

Der Nordmann kämpfte mit zwei großen Gegnern, die beide eine Axt und ein Schwert führten. Er selbst hatte den Dolch in der linken und das Schwert in der rechten Hand. Der Regen lief ihm übers Gesicht und nahm ihm die Sicht. Aber auch seine Gegner hatten damit zu kämpfen.

Neben sich hörte er, wie Aran einen Gegner gegen eine Hauswand beförderte. Er hörte Knochen brechen und den Mann schmerzerfüllt schreien. Sylfan kämpfte vor ihnen gegen zwei Kämpfer. Er führte komplizierte Manöver durch, um die Feinde auf Distanz zu halten. Thorn konnte die kalte Klinge hin und wieder aufblitzen sehen, wenn ein Spruch oder ein Blitz das Dämmerlicht für einen Moment vertrieb. Hinter ihnen bereitete Diera schon ihren nächsten Zauber vor. Ihre Stimme durchbrach den Lärm, den die Regentropfen in Thorns Schädel machten.

„Alle zu mir!“

Sofort zogen Aran, Thorn und Sylfan sich zurück.

Die Gegner wollten nachsetzen, doch plötzlich wurden aus den schweren Regentropfen vor Thorn scharfe Eiskristalle, die schnell und todbringend zu Boden sausten. Die fallenden Eisstücke beschränkten sich auf das kleine Gebiet vor ihnen. Überall sonst fiel nur kalter Regen.

Die Feinde schrieen schmerzerfüllt auf. Die Eiskristalle zerschnitten ihre Rüstung und ihre Haut. Manche wurden sogar von den spitzen Eisgeschossen durchbohrt. Sie flüchteten vor dem gefährlichen Eisregen, der noch eine Minute anhielt.

Die vier Freunde beobachteten die Straße vor ihnen. Der Boden war übersät von Leichen, Blut, Wasser und Eis. Zufrieden betrachtete Thorn ihr Werk. Sie schlugen sich gut, auch wenn er hundemüde war und die Wunden in seinem Arm und in seiner Schulter höllisch brannten. Ein einzelner Mann tauchte in der Straße auf. Thorn konnte ihn nicht genau erkennen, doch es schien, als ob nur er dastünde.

Dann setzte der Regen wieder ein. Der Nordmann machte sich wieder kampfbereit.

Plötzlich veränderte sich die Luft. Sie wurde heiß und brannte in Thorns Lungen.

„Diera, Schild!“, rief Sylfans entsetzte Stimme hinter ihm. Der Nordmann spürte wieder dieses vertraute Gefühl, wenn ein Schwerer Schild aufgebaut wurde. Die Luft wurde kühler und angenehmer. Durch den Regen konnte er plötzlich ein rotes Glühen sehen, das schnell näher kam und schließlich sein gesamtes Blickfeld ausfüllte. Dann erkannte er es.

Die gigantische Lavakugel durchschlug Dieras hastig aufgebaute Barriere und schlug gegen den Schild, den Sylfan und Diera aufgebaut hatten. Der Schild hielt stand, doch die Kugel zersprang in zwei Teile, die nach links und rechts stoben und mit enormer Wucht in die beiden Häuser zu ihrer Linken und zu ihrer Rechten einschlugen. Die mächtige Druckwelle, die von den Einschlägen ausging, riss Thorn von den Beinen und ließ seine Umgebung verschwimmen.

~~~

Silas flog so schnell er konnte zu der Straße, in der seine Freunde waren. Er raste über die Hausdächer hinweg. Die Feuer, die nun unter ihm wütenden, nahmen ihm die Sicht und brannten in seinen Augen. Selbst der starke Regen vermochte sie nicht zu löschen. Und Silas wusste mit eiskalter Sicherheit auch warum; es waren magische Feuer.

Durch den dichten Regen konnte er endlich die Häuser sehen, zwischen denen sich die Straße befand. Doch plötzlich spürte er einen Druck, der ihm die Luft zum atmen raubte. Erschrocken sah er das rote Glühen zwischen den Häusern. Der dunkle Magier versuchte schneller zu fliegen, doch eine enorme Druckwelle warf ihn sogar noch ein Stück zurück. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er musste den anderen helfen, ehe es zu spät war. Dann spürte er den gewaltigen Spruch. Doch noch ehe er etwas tun konnte, explodierten die Häuser links und rechts der Straße.

Silas wurde nach hinten geschleudert. Schützend hielt der sich die Arme vors Gesicht und ruderte wild mit den Flügeln, um nicht abzustürzen. Die Druckwelle verdrängte die Luft, auf der er flog. Silas stürzte ab und knallte mit voller Wucht auf ein Hausdach, das gefährlich knarrte. Benommen blieb er liegen und rang nach Luft.


14.6.08 11:18


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